Gauck: „Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch“
3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor
Rede zur Freiheit im Allianz Stiftungsforum
3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor – Joachim Gauck sprach unter dem Titel „Zwischen Furcht und Neigung – die Deutschen und die Freiheit“ über den Wert der Freiheit 20 Jahre nach dem Mauerfall. Freiheit, eigentlich ein erfreuliches Thema, gerade in dem Jahr, in dem die freiheitliche Verfassung namens Grundgesetz und der Mauerfall runde Jubiläen feiern, aber: „Uns ist etwas dazwischengekommen: der Krise sei Dank; wir müssen uns nicht freuen“, konstatierte Gauck gleich zu Beginn seiner Rede, „wir dürfen tun, was uns am meisten liegt, uns fürchten, Schreckensszenarien ausmalen und das tun, was wir am liebsten tun: Trübsal blasen."

Zur Videodokumentation Den Status der Freiheit in diesem besonderen Jahr zu analysieren, wer sollte dafür besser geeignet sein als Joachim Gauck, Pfarrer, Mitbegründer des Neuen Forums, der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU), Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie, und nach eigenen Worten „ein parteiloser Liebhaber der Freiheit“? Gaucks Analyse war detailreich, treffend und alles andere als die begeisterte Beschreibung eines freiheitsliebenden Volkes, doch gerade damit erreichte der gebürtige Rostocker sein Publikum, das ihm im bis auf den letzten Platz besetzen Allianz Stiftungsforums am Pariser Platz mit lang andauerndem Beifall dankte.
Wolfgang Gerhardt
Der Vorsitzende des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Wolfgang Gerhardt, hatte zu Beginn des Abends allen Diskussionen über eine Änderung der Verfassung eine Absage erteilt: "Das Beste was wir heute haben ist unsere freiheitliche Verfassung. Sie wird mit Sicherheit nicht besser wenn wir sie neu formulieren. Sie hat alles niedergelegt, was ein freiheitliches Staatswesen und eine freiheitliche Gesellschaft ausmacht. Entscheidend ist in dieser Zeit nicht die Neufassung der Verfassung, sondern die Verfassung unserer Gesellschaft selbst in ihrem Willen zur Freiheit und ihrer Wachsamkeit gegenüber Gefährdungen der Freiheit." Genau diesen Willen und diese Wachsamkeit legte Joachim Gauck im Anschluss an den Tag.
„Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch“
Keine sich der Realität verweigernde Jubiläumsrede also – wie sie uns im Herbst wohl im Dutzend bevorstehen werden – aber auch kein frustrierter Abgesang eines Protagonisten der friedlichen Revolution, der genug Gründe hätte, angesichts der verbreiteten Ignoranz gegenüber der DDR-Geschichte oder der politischen Verwurzelung der damaligen Staatspartei im heutigen Deutschland seinem Ärger Luft zu verschaffen.
Joachim Gauck
Dass in Deutschland die Liebe zur Freiheit nicht sehr tief verwurzelt ist, hat erst kürzlich der von der Stiftung für die Freiheit erhobene Deutsche Wertemonitor nachgewiesen, allzu deutsch sei das aber nicht, so Gauck: „Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch, es ist menschlich, eine anthropologische Konstante“, erklärte Gauck und betonte, dies gelte prinzipiell für Ost und West.
Dennoch habe der Westen nun einmal wesentlich länger ein zivilgesellschaftliches Leben, wirkliche Beteiligung einüben und ausüben, darin Erfahrungen sammeln können. Dazu gehöre auch die schmerzhafte Erfahrung der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, etwas, das nicht leicht von der Hand ging und dem oft „selektives Erinnern der Wirklichkeit“ vorausging und das Ersetzen von Wirklichkeit durch einen Mythos. „Wir wissen das alles, weil wir das in der Nachkriegszeit sehr deutlich gesehen haben. Wir wissen, wann zum ersten Mal eine Straße nach Widerstandskämpfern im Dritten Reich benannt worden ist, wann eine Schule, wann eine Kaserne, wie langsam das alles ging, was doch alles so schnell hätte kommen müssen.“
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Brandenburger Tor
Dieser Prozess der Aufarbeitung, im Westen teilweise angeschoben durch Werke wie Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“, habe sich am Ende gelohnt. „Wie wunderbar, dass unsere Nation nicht trotzig auf ihrem Recht beharrte, dass sie Willens, fähig und imstande war, Unrecht als Unrecht zu benennen. Sie läuft nicht mehr vor sich weg, diese Nation.“
Nach dem Ende der SED-Diktatur habe es durchaus Ansätze gegeben, diesen erneut notwendigen Aufarbeitungsprozess zu beschleunigen. „1990 haben wir gleich damit begonnen. Akten auf, Augen auf, ran.“ Die Politik habe die Weichen gestellt, dafür Geld ausgegeben. „All das ist geschehen. Aber nach wie vor warten wir auf den letzten Schritt, auf dieses Element einer Katharsis, in der Schuld angenommen wird. Es sind ganz besondere Menschen, die dazu fähig sind. Wie Herr Schabowski aus Berlin, der Einzige aus dieser Führungsclique, der imstande war, Schuld Schuld zu nennen, Reue und Umkehr an den Tag zu legen“, so Gauck. Dennoch: In weiten Kreisen sei dieser Prozess nicht vollendet. Es sei fast so, „als warteten wir auf neue Mitscherlichs, die speziell für die Ossis ein neues Buch über die Unfähigkeit zu trauern schreiben.“




