Christian Führer „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution die aus der Kirche kam.“
Veronika Kolb und
Christian Führer „Das Buch ist keine Literatur, das Buch ist keine historische Zusammenfassung. Es ist einfach nur das was ich erlebt habe.“ Mit diesen Worten stimmte Christian Führer, Pfarrer i.R., das zahlreich erschienende Publikum ein. Der Pfarrer im Ruhestand war der gemeinsamen Einladung der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam gefolgt und las aus seiner Autobiografie. Gespannt warteten die Zuhörer auf seine Schilderungen über „die Revolution die aus der Kirche kam“. Christian Führer verwies jedoch darauf, dass es sich bei seinem Buch um eine Autobiografie handelt und so begann er mit der Erzählung seines Lebens auch am Anfang, seiner Kindheit.
„Die kalte Jahreszeit war mir die liebste, weil mittendrin Weihnachten lag“
Er erzählte von einer wohlbehüteten Kindheit, von einer Zeit in der er sich vollkommen

Pfarrer i.R. Christian Führer
geborgen fühlte. Führer wuchs in den Nachkriegsjahren in einem evangelischen Elternhaus auf, sein Vater war Pfarrer. Er erzählte von einer liebevollen Mutter, die alles daran setzte, die Wünsche ihrer Familie zu erfüllen. Die kalte Jahreszeit, erinnert er sich, sei immer seine liebste gewesen, „Weil mittendrin Weihnachten lag“ und Weihnachten in der Familie Führer immer sehr ausgiebig begangen wurde. Noch heute weiß Führer es sehr zu schätzen, dass seine Eltern nie versucht haben ihn einzuengen, im Gegenteil haben sie ihn in der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit unterstützt. Christian Führer erzählte, dass er quasi in der Kirche aufgewachsen sei. Seine Mutter sagte immer, er habe im seinem Leben die richtige Richtung gewählt, vom Taufbecken zum Lesepult. Freitags war in der Familie Führer immer Musikabend. Die mütterliche Interpretation des „Erlkönigs“ sei für ihn immer wieder eine Offenbarung gewesen und habe ihm die weite Welt der Musik eröffnet.
Führer begann sehr früh die „Bergpredigt“ Jesus’ zu verinnerlichen und mit zwölf Jahren entschied er sich in die Fußstapfen seines Vaters zutreten und Pfarrer zu werden. Christian Führer, der trotz seines evangelischen Hintergrund die Zulassung bekam, an der Erweiterten Oberschule sein Abitur abzulegen, studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Theologie. Während seiner Studentenzeit, lernte er Fräulein Krämer, eine Pharmaziestudentin kennen, die Frau seines Lebens. Nach der Hochzeit und seiner Ordination 1968 bekam auch seine Frau eine Anstellung als Apothekerin in der „Staatlichen Engelsapotheke“.
„An diesem Abend war die DDR nicht mehr die gleiche wie am Morgen“.
1980 wurde Christian Führer als Pfarrer an die Nikolaikirche in Leipzig berufen. Hier kam es

Publikum
1981 dann auch zum ersten Treffen der „Friedensdekade“, zu der sich 130 Jugendliche einfanden. Die Staatssicherheit, erfasste diese Versammlung mit den Worten: „130 Elemente füllten den Altarraum der Nikolaikirche.“ Aus diesem ersten Treffen entwickelten sich die Montagsgebete, womit der Kirchenvorstand dem Wunsch der Jugendlichen folgte, die Friedensgebete wöchentlich stattfinden zulassen. Die Bürger erkannten, dass die Kirche Freiraum bot, in dem keine Zensur erfolgte, dass man „hier aussprechen könnte.“
Es folgte die Öffnung der Kirche nach Außen, die Öffnung für Randgruppen, die hier nun auch ein Podium fanden. „Die Nikolaikirche ist einen Kirche ohne Sperren“, so Führer, „ die Eingangsschwelle ist niedrig. Es gibt keine großen Barrieren für Rollstuhlfahrer und Atheisten gleichzeitig.“ Hier fanden also die verschiedensten Gruppierungen die Möglichkeit ihre Meinung zuäußern und sich mit Gleichgesinnten aus zutauschen. Diese wöchentlichen Zusammenkünfte waren für die Staatssicherheit der DDR zu einem echten Problem heran gewachsen. Sie riefen die staatstreuen Genossen dazu auf, „die Kontrarevolution niederzumetzeln.“ Am 9. Oktober 1989 wurde die Nikolaikirche von mehr als 1000 SED-Genossen besetzt, bewaffnet Sie hatten den Staatsauftag bekommen, das Friedensgebet zu stören und die anschließend geplante Montagsdemonstration zu boykottieren. Es geschah jedoch etwas, womit niemand gerechnet hatte. Als das Friedensgebet endete, das an diesem Tag von 2400 Menschen besucht wurde, „trugen die Menschen die Bergpredigt von Jesus in zwei Worten aus der Kirche: „KEINE GEWALT“. Der Demonstrationszug, der mit Kerzen bewaffnet war, wuchs auf seinem Weg durch die Innenstadt auf ca. 70000 Teilnehmer an, die auf ihrem gesamten Weg nicht auf Widerstand stieß. Christian Führer schloss seine Erzählung mit den Worten, „an diesem Abend war die DDR nicht mehr die gleiche wie am Morgen“.

Atrium der FNF
Er schaffte es, die sonst so geschäftigen Räumlichkeiten des Atriums, in der Geschäftstelle der FNF, in einen Ort der Stille und Andacht zu verwandeln. Für seinen bewegenden Einblick erntete er tosenden Applaus. Im Anschluss an die Lesung, stand er seinem Publikum noch gerne Rede und Antwort und fand auch hier große Anerkennung. Christian Führer machte seinem Publikum in seiner ihm eigenen lockeren und aufgeschlossenen Art klar, dass das höchste Gut des Menschen seinen persönliche Freiheit und Würde ist und jeder Mensch in der Verpflichtung steht, die Menschenrechte zu achten.
Yvonne Niewerth




