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Karim Saab: Stimmungsvergleich in Schwarzweiß

Warum realitätssüchtige Fotografie auch gut und gern auf Farbe verzichten kann

Ein Beitrag von Karim Saab aus der Vierteljahresschrift liberal (1/2007). Karim Saab lebt als Literaturkritiker in Potsdam und ist Redakteur der Märkischen Allgemeinen

 

Eine alte gebrechliche Frau vor einem Riesenberg Kohlen, der einfach vor ihrem Kellerfenster abgekippt wurde. Ein Hooligan, der Polizisten den Stinkefinger entgegenreckt. Selbstvergessene Liebespaare, Hundehalter und Straßenmusikanten vor Imbissbuden und an Straßenecken. Die Motive von Harald Hauswald sind Momentaufnahmen aus dem Alltag. Zu DDR-Zeiten war das ein Politikum. Müde, abgestumpfte Arbeiter in der U-Bahn passten nicht zu den Kampfparolen der Partei. FDJler und Soldaten sollten lächeln oder wenigstens intelligent dreinschauen. Und auch der Verfall der öffentlichen Straßen und Plätze war eigentlich auszublenden.


Harald Hauswald ließ sich nicht beirren. Er behielt immer das einfache Treiben im Blick, das er als Telegrammbote und Heizer, als Anstreicher und Gerüstbauer in den 70er Jahren selbst gelebt hatte. Zum ernsthaften Fotografen entwickelte er sich erst in den 80ern.


Auch bei kritisch eingestellten DDR-Jugendlichen machte er sich mit seiner realitätssüchtigen Fotografie zunächst nicht beliebt. Denn er fotografierte, was viele nicht mehr sehen konnten und nicht mehr sehen wollten, und was auf den ersten Blick sehr plakativ schien: groteske Schaufensterauslagen, bestehend aus nur einem Produkt, oder dumpfe Parolen wie »Frieden ist nicht Sein, sondern Tun!«, unter denen dann irgendwelche missmutigen Rentner herumsaßen. Hauswalds Reportagebilder über das Leben in der DDR wirkten damals nur wie eine Bestätigung einer Realität, heute sind sie anschauliche Zeugnisse einer untergegangenen Welt. Wo man auch hinsah, das Land war voll von Peinlichkeiten. Wer was auf sich hielt, wollte sich abheben. Die Ausbruchsversuche wurden aber oft noch peinlicher.

 

Einblicke, die den Eigensinn herausstellen

 

Mit dem gesellschaftlichen Leben in der DDR stagnierte auch die sozial-dokumentarische Fotografie. Die meisten Fotografen mieden die Straße und meldeten sich aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit ab. Sie verwahrten sich gegen den Abbildcharakter des Mediums, wollten mit dem Fotoapparat den Ist-Zustand überwinden und in rein ästhetische Bildwirklichkeiten fliehen. Inszenierte, künstlerische Fotografie war angesagt. Nicht bei Harald Hauswald. Er blieb ganz einfach Fotograf und registrierte die neuen Milieus: Plötzlich traf man sich in Wohnungen zu Lesungen, auf Hinterhoffesten, bei Country-Festivals oder in Kellern zu Punk-Konzerten.


Den Sicherheitsorganen der DDR missfielen diese Einblicke, die den Eigensinn herausstellten. Harald Hauswalds Bilder wurden in der westdeutschen Presse bekannt. Sein Buch »Berlin-Ost. Die andere Seite einer Stadt« erschien 1987 just zur 750-Jahrfeier der geteilten Stadt in München. Es kam zu einem diplomatischen Schlagabtausch zwischen Ostberlin und Bonn. Bereits zwei Jahre zuvor, 1985, war gegen Hauswald ein Haftbefehl mit vier Anklagepunkten ausgestellt worden: »Weitergabe nicht geheimer Nachrichten«, »Agententätigkeit«, »staatsfeindliche Hetze« und »Devisenvergehen«. Doch mit dem Vermerk »Aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam« wanderte das Papier wieder in die Akten. Die in Ostberlin akkreditierten westdeutschen Korrespondenten, die ihre Beiträge gerne mit Hauswald-Fotos schmückten, hätten bei einer Verhaftung zu viel Krach geschlagen. Außerdem schützte Hauswald, dass er seit 1981 bei der Stephanus-Stiftung, einer Einrichtung der evangelischen Kirche, als Fotograf fest angestellt war.


Die Mutter seiner Tochter Anne war über das Gefängnis in den Westen ausgereist, Hauswald war alleinerziehender Vater. Die etwa 5.000 Orwo-Schwarzweißfilme, die er bis 1989 belichtet hat, überstanden die Querelen. Erst heute wird deutlich, was ihm gelungen ist: Schnappschüsse, die eine untergegangene Ära heranzoomen. Unkorrumpierte Lebenszeichen. Manche Motive sind von bestürzender Metaphorik. Etwa die Gruppe Fahnenträger einer Erste-Mai-Demonstration, die 1987 hastig vor einem heftigen Regenschauer Reißaus nimmt, oder der Schriftzug eines Geschäfts mit dem Namen »Wohnkultur« vor einer völlig unbewohnbaren Häuserzeile. Dabei war es nie ein politisierter Zeigefinger, der bei Harald Hauswald Regie führte. Die Kontinuität seines Schaffens wird deutlich, wenn man heutigen Bilder daneben hält. Sein Archiv ist um weitere 5.000 Filme gewachsen.


Hauswalds Thema ist die spontane Begegnung oder die Nichtbegegnung von Menschen in der Stadt. Alle Motive bestechen durch ihre grafische Struktur. Zu seinem Lieblingsort wurde im Laufe der Jahre der Berliner Alexanderplatz, nicht etwa, weil er ihn schön findet, sondern weil sich hier das Leben besonders kontrastreich von der sich wandelnden Umgebung abhebt.


Es gibt kein veröffentlichtes Motiv von Hauswald, das einen Menschen in seiner Würde verletzt. Seine Bilder sind erfüllt von beispielloser Wärme, von Herzlichkeit und Sanftheit. Hauswald lässt sich intensiv auf seine Mitwelt ein, ehe er Aufnahmen macht. Für die Hooligans des 1. FC Union, die er zwischen 1988 und 1993 begleitete, war es klar, dass das Bildmaterial weder bei der Polizei noch bei den Medien landete. Und als ihn der Stern 2002 als Reporter ins Elbe-Hochwassergebiet schickte, gelang ihm das bei weitem spektakulärste Bild, das es auf den Titel schaffte. Stroh schwimmt auf dem Wasser und steht in einem Kuhstall den gefährdeten Tieren wie auch den Menschen fast bis zum Hals. In der dramatischen Situation gefiel sich Hauswald nicht als Paparazzi-Fotograf. Vielmehr hatte er das Vertrauen der Betroffenen gewonnen, indem er selbst mit anpackte und mehrere Kälber ins Freie trug, um sie vor dem Tod zu retten.


Harald Hauswald hat zwei Prinzipien. Zum einen fotografiert er stets bildfüllend. Die Bildausschnitte werden nicht nachträglich gewählt. Zum anderen lässt er nur solche Momentaufnahmen gelten, die ein prosaisches Geschehen auf den Punkt bringen. Er sucht das gewisse Extra, eine spontane Geste, eine Korrespondenz, die sich herstellt.


Es gibt eine uralte These, die besagt: Wenn sich zwei Menschen treffen, entsteht etwas Drittes. Diese Bilder liefern den Beweis. Menschen müssen sich im Vorübergehen nicht einmal wahrnehmen. Dennoch erwächst zwischen ihnen, transzendent, eine Beziehung.

 

Blende und Tiefenschärfe selber bestimmen

 

Harald Hauswald, der 1990 die Agentur Ostkreuz mitbegründete, ist nach zahlreichen Lohnarbeiten zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Farbfotos fehle das Atmosphärische, stellte er für sich fest. Deshalb fotografiert er heute wieder in Schwarzweiß, denn Schwarzweiß-Fotos seien viel nuancierter. »Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael. / Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön‘s hier war«. Mit diesem Lied landete Nina Hagen 1974 in der DDR einen regelrechten Hit. Farbfotos galten als verheißungsvoller Luxus und waren als Farbtupfer im grauen Alltag unbedingt der Rede wert. Nina Hagen ließ die DDR-Alltagswelt weit hinter sich, wenn sie in ihrem Lied die Romanze mit Michael auf der Insel Hiddensee besang. Sie träumte in Farbe und störte sich am Schwarzweiß der Erinnerungsfotos: »Alles blau und weiß und grün/ und später nicht mehr wahr.« Vier Jahre später, 1978, tönte Nina Hagen dann im »TV-Glotzer-Song«: »Alles so schön bunt hier«. Sie war inzwischen in den Westen ausgereist, wo sie der Punkbewegung Flügel verlieh. Der Fotograf Harald Hauswald blieb im Osten. Aus ihm ist nie ein Punker geworden, obwohl er, 1954 in Radebeul bei Dresden geboren, nur ein Jahr älter als Nina Hagen ist. Seine Welt blieb der Rock und der Blues.


Während die Punker, die in der DDR ebenso ins Straßenbild gehörten, ihre unaufgeräumte, dreckige Lebenswelt als krassen Hintergrund für ihre schillernden Posen wählten, suchte Harald Hauswald sein Heil nie in der Kosmetik oder in der Nabelschau. Er blieb auch äußerlich der Alte. Damals wie heute trägt er langes, in der Mitte gescheiteltes Haar und einen Vollbart. Und er spricht immer noch noch unbeirrt sein warmes sächsisch, obwohl er schon seit 30 Jahren in Berlin lebt.

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letzte Änderung: 10.02.2009


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