Erschossen in Moskau
Wer sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ und DDR politisch engagierte, ging ein hohes Risiko ein. Insbesondere dann, wenn dies auf der Grundlage von Werten geschah, die im Widerspruch zur Ideologie der Besatzungsmacht standen. Innenpolitisch verfolgten der sowjetische Geheimdienst und die Staatssicherheit jeden in der DDR, der sich gegen das stalinistische Regime stellte. Als „Feinde“ wurden sie verschleppt, verhaftet, verurteilt und in vielen Fällen zum Tode verurteilt. An die Opfer erinnert die in deutsch-russischer Zusammenarbeit erstellte Wanderausstellung „Erschossen in Moskau…“.Christian Däubler Die Ausstellung dokumentiert die Schicksale von Deutschen, die zwischen 1950 und 1953 in Moskau hingerichtet und auf dem Friedhof Doskoje beerdigt wurden. Christian Däubler, Leiter des Büros Berlin-Brandenburg der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass es erschreckend sei, wie viel Zeit vergehen musste, bevor man sich den Opfern erinnern konnte.
Dr. Anne Kamninsky Ursprünglich, so Dr. Anne Kaminsky von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ging man von 50 bis 60 deutschen Opfern aus, die in Moskau in dieser Zeit hingerichtet wurden. Nachforschungen ergaben jedoch, dass fast 1.000 Deutsche wegen angeblicher „konterrevolutionärer Verbrechen“ wie Spionagevorwürfen verurteilt und ermordet wurden.
In die Ausstellung führte Frank Drauschke, Facts & Files – Historisches Forschungsinstitut Berlin, ein. Aus dessen Vortrag geben wir im Folgenden einige Passagen wieder:
Frank Drauschke „Im Januar 1950 wurde die Todesstrafe in der Sowjetunion im Geheimen wieder eingeführt und entsprechend von den sowjetischen Militärtribunalen in der DDR auch wieder verhängt. Bei den zu dieser Zeit zum Tode verurteilten und hingerichteten Deutschen handelt es sich um die in der Ausstellung und im Totenbuch beschriebenen 927 Männer, Frauen und Jugendliche unter diesen 927 Personen waren 60 Frauen und 293 junge Leute (Geburtsjahrgänge zwischen 1925-1933); der letzte in Moskau Hingerichtete war Dr. Walter Linse. Er starb am 15.12.1953, noch ein dreiviertel Jahr nach Stalins Tod. Es sind 245 Brandenburger und 241 Berliner unter den Opfern.“
"War man einmal in das Visier der ostdeutschen bzw. sowjetischen Geheimdienste geraten, konnte die Verhaftung praktisch jederzeit und an jedem Ort erfolgen, jedoch fast immer im Bemühen, so wenig wie möglich öffentliches Aufsehen zu verursachen. Nach 1950 wurde die Mehrzahl der Festnahmen durch das MfS durchgeführt. Die Mitarbeiter erschienen in der Regel als Angehörige der Volkspolizei oder der Kriminalpolizei. Oft wurde die betreffende Person unter dem Vorwand „zur Klärung eines Sachverhaltes“ aus dem Haus bzw. von der Arbeitsstelle gelockt und dann festgenommen."
„Unter den Verurteilten waren viele Menschen, die auf Grund ihrer politischen Überzeugung in das Visier von Staatssicherheit und russischem Geheimdienst geraten waren. So gab es eine ganze Reihe Mitglieder von CDU, LDP(D), NDPD und SPD, die sich durch aktive politische Arbeit gegen die wachsende Vereinnahmung durch die SED zur Wehr setzten. Insgesamt wurden durch sowjetische Militärgerichte 142 Mitglieder demokratischer Parteien zum Tode verurteilt und in Moskau erschossen, davon 71 Mitglieder der LDP(D). Zu den hingerichteten politischen Aktivisten gehörten z.B. der Potsdamer Bürgermeister Erwin Köhler - der zusammen mit seiner Ehefrau zum Tode verurteilt wurde – beide waren Mitglied der CDU oder etwa der Berliner Kurt Zipper, der für die LDP in der Volkskammer saß.“





