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Der geduldete Klassenfeind

Lesung mit Peter Pragal

Veronika Kolb und Peter Pragal
Veronika Kolb und Peter Pragal
Sowohl nachdenklich als auch erheiternd schilderte der Journalist Peter Pragal sein Leben als „Der geduldete Klassenfeind“ in der DDR in gleichnamiger Lesung der Reihe BuchAktuell, einer Veranstaltungsreihe der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kooperation mit der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam.

„Fremd, aber nicht im Ausland“

Peter Pragal verlegte als Erster unter den akkreditierten westdeutschen Korrespondenten 1974 freiwillig seinen Wohnsitz vollständig in die Hauptstadt der ehemaligen DDR, wo er während zweier Zeitabschnitte insgesamt 12 Jahre lebte und arbeitete. Er wohnte mit seiner Familie in einem gewöhnlichen Plattenbau und versuchte auch sonst, sich dem Alltag und Leben der DDR-Bürger weitestgehend anzupassen. Während dieser Zeit erlebte er eine Vielzahl skurriler, erheiternder aber auch tragischer Situationen, alles unter den wachsamen Augen der allgegenwärtigen Staatssicherheit. Sich zunächst „fremd, aber nicht im Ausland“ fühlend, lebte sich die Familie Pragal zunehmend im sozialistischen Nachbarland ein, gewann Freunde fürs Leben und wandelte sich zunehmend vom Außenseiter zum Insider.

Immer unter Kontrolle


Bereits direkt nach Pragals Ankunft in Ost-Berlin zeigte der SED-Staat, dass er es mit Peter Pragal
Peter Pragal
der klassenlosen Gesellschaft nicht so ernst nahm: Der jungen Familie wurden für ihre durchschnittlich große Wohnung ganze 1700 D-Markt Miete abgeknöpft, ein Beweis dafür, so Pragal, dass das Staatliche Dienstleistungsamt durchaus einen Sinn für den Kapitalismus besaß. Auch das staatliche Gesundheitssystem führte ihm die Ungleichheit vor Augen, wo neben luxuriösen Krankenhäusern für die Parteiführung die „normalen“ Bürger in die Hospitäler ihr eigenes Essbesteck mitbringen mussten. Der Mangel war allgegenwärtig – seine erste Lektion lernte Pragal bei dem Versuch, frische Brötchen zu kaufen. Diese bekam er zwar durchaus, allerdings direkt auf die Theke ohne jegliche Transportmöglichkeit - er musste sie sich behelfsmäßig in die Jackentaschen stopfen, weil ihm
noch der für DDR-Bürger unverzichtbare Stoffbeutel fehlte.

Die Überwachung Pragals, seiner Familie und seiner Bekannten und Freunde durch die Staatssicherheit erfolgte ununterbrochen. Als der Journalist nach der Wende die Gauck-Behörde um Einsicht in seine Stasiakten ersuchte, wurden ihm gleich mehrere tausend Blatt ausgehändigt. Minutiöse Protokolle über sein Alltagsleben und auch über einen konspirativen Einbruch in sein Pressebüro legten ein „groteskes, maßlos übersteigertes Sicherheitsdenken“ und ein tiefes Misstrauen gegenüber westlichen Journalisten an den Tag.

Tiefe Freundschaften und kontroverse Diskussionen

Publikum
Publikum
Nie wieder in seinem Leben habe er so emotionale und kontroverse Diskussionen wie mit Freunden und Bekannten in der DDR geführt, so Peter Pragal. Vergleiche mit dem NS-Staat provozierten auch regimekritische Ostdeutsche, plötzlich verteidigten Bekannte Zustände im System, die sie noch kurz zuvor heftig kritisiert hatten. Schnell wurden jedoch aus Bekannten Freunde, anfängliche Vorbehalte gegenüber den „Wessis“ verschwanden und die Wohnung Pragals wandelte sich zu einem immer offenstehenden „Fenster in den exotischen Westen“.

Auch die Entscheidung, ihren schulpflichtig gewordenen Sohn auf eine DDR-Schule zu schicken, habe sich im Nachhinein als richtig erwiesen. Die Pragals wollten dem Kind nicht ein ständiges Leben zwischen Ost und West aufbürden, was zwangsläufig bei der Wahl einer West-Berliner Schule entstanden wäre. Anfangs wurde den Eltern jedoch ein wenig bange, als ihr Sohn große Begeisterung für die SED-Propaganda mit Fähnchenschwingen und Massenaufläufen zeigte. Diese Begeisterung wandelte sich allerdings schnell in Skepsis, als ihm die maßlose kommunistische Propaganda zunehmend auf die Nerven ging.

„Der Klassenfeind nackt unter ihnen“

Die schönste Geschichte sparte sich Peter Pragal für den Schluss seiner Pragal beim Signieren<br />
seiner Bücher Pragal beim Signieren
seiner Bücher überaus spannenden und objektiven Schilderung auf. Eine bedeutende Informationsquelle seien die wöchentlichen Saunagänge gewesen, bei denen man meist auf immer die gleichen Personen traf. Der Journalist hatte Glück – immer wieder sprachen Angehörige der Streitkräfte in der Intimität der Sauna über Interna miteinander, „ohne zu bemerken, dass der Klassenfeind nackt unter ihnen sitzt“.

Im Anschluss an seine Lesung stellte sich Pragal den Fragen seiner zahlreich erschienenen Zuhörer. Diskutiert wurde unter anderem über die Wirkung, die seine Texte auf die westdeutschen Leser hatte. Weiterhin wurde Pragal über die Möglichkeiten eines westdeutschen Journalisten befragt, Hilfe erbittenden DDR-Bürgern Unterstützung zukommen zu lassen sowie über die daraus für sie  resultierenden Gefahren.



Johannes Issmer


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letzte Änderung: 10.02.2009


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