Würdigung in Heilbronn: 150 Jahre Friedrich Naumann

Podium: Prof. Christhard Schenk, Michael Link MdB, Moderator Jörg Brehmer, Dieter Kleinmann MdL, Prof. Wolfgang Hardtwig Schon den 100. und den 125. Geburtstag ihres Stiftungspatrons hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung in Heilbronn begangen; bei diesen Anlässen sprachen unter anderen Theodor Heuss und Martin Bangemann. Von daher lag es nahe, auch den 150. Geburtstag von Friedrich Naumann dort zu feiern, wo er und sein „Wahlkampfmanager“ Heuss bei der Reichstagswahl1907 einen großen Triumph erlebt hatten. So luden das Gummersbacher Archiv des Liberalismus und das Stuttgarter Regionalbüro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in das Heilbronner „Schießhaus“ zu einem Kolloquium unter dem Titel „150 Jahre Friedrich Naumann – neue Perspektiven auf den politischen Lehrmeister von Theodor Heuss?“ und anschließendem Festakt ein.
Bei dem in Kooperation mit dem Heilbronner Stadtarchiv durchgeführten Kolloquium zog einleitend Jürgen Frölich (Archiv des Liberalismus) eine Bilanz des liberalen Politikers Friedrich Naumann im Kaiserreich. Er ging davon aus, dass Naumann etwa seit 1900 ein innenpolitisches Konzept für den in der Defensive befindlichen Liberalismus gehabt habe. Seit seinem Beitritt zum Freisinn habe Naumann dieses umfassende Konzept konsequent verfolgt und damit den Liberalismus wieder in die Offensive gebracht, was entscheidend zur „liberalen Renaissance“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs beitrug.
Christhard Schenk, Leiter des Stadtarchivs Heilbronn, beleuchtete mit einer ausgefeilten Präsentation das lokale Netzwerk, auf dem Naumanns Wahlsieg von 1907 beruhte, wobei es sich in der Tat um einen Wahlsieg der „liberalen Stadt" Heilbronn über ihr „konservatives Umland" handelte. Tragende Stützen dieses Netzwerks waren der aus Heilbronn stammende engste Mitarbeiter Naumanns, Theodor Heuss, der Chefredakteur der örtlichen Zeitung, Ernst Jäckh, sowie der Fabrikant Peter Bruckmann, um die sich weitere Personen der bürgerlichen Elite vor Ort sammelten. Von dem thematisch weit gespannten Netzwerk, neben der Politik umfasste es auch die Publizistik sowie ästhetisch-wirtschaftlichen und sogar sportlich-technische Fragen wie den „Deutschen Werkbund“ und das Ballonfahren, habe aber, so Schrenk, nicht allein der Liberalismus politisch, sondern in vielerlei Hinsicht auch die Stadt profitiert.
Naumanns „liberale Theologie“ keineswegs naiv-idealistisch ausgerichtet

Naumanns Netzwerk Einem ganz anderen Bereich widmete sich der Naumann-Stipendiat Christian Mack (Schopfheim/Basel), der Naumanns theologischen Ansatz neu sichtete. Anders als es bisher in der Theologiegeschichte gelehrt werde, sei Naumanns „liberale Theologie“ keineswegs naiv-idealistisch ausgerichtet gewesen. Vielmehr seien die jüngeren liberalen Theologen wie Naumann sowohl vom Darwinismus als auch vom Neukantianismus beeinflusst worden und hätten unter Rückgriff auf Luthers Zwei-Reiche-Lehre versucht, auf die brennenden gesellschaftlichen und politischen Fragen ihrer Zeit zu reagieren. Insofern könne man Naumann durchaus schon als Vertreter einer „kritischen Theologie“ sehen, die weit moderner gewesen sei, als es die Kritiker der liberalen Theologie nach 1918 wahrhaben wollten.





