13.02.2012 – Liberale Stichtage: 90. Geburtstag von Wolfgang Schollwer

Schollwer Fragt man nach den Vordenkern der Entspannungspolitik, so fällt häufig zuerst der Name Egon Bahr, des engen Vertrauten von Willy Brandt. Doch auch die Liberalen hatten einen ähnlichen außen- und deutschlandpolitischen Strategen in der Person von Wolfgang Schollwer.
Der Potsdamer Arztsohn durfte wegen seines Ranges als Reserveoffizier nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone nicht studieren und nahm deshalb das Angebot an, Jugendreferent bei den Brandenburgischen Liberaldemokraten zu werden. In dieser Funktion kam er bald mit der Besatzungsmacht und der SED in Konflikt, der drohenden Verhaftung entzog Schollwer sich 1950 durch Flucht in den Westen, wo er ein neues Aufgabenfeld beim Ostbüro der FDP in Bonn fand. Dessen Aufgaben waren vor allem die Betreuung von liberaldemokratischen Flüchtlingen, aber auch die Aufklärung über die Situation in der LDPD und das Hineintragen westlicher Propaganda in die DDR.
Diese stark von den Bedingungen des Kalten Krieges bestimmte Tätigkeit wurde im Zuge der Gespräche zwischen FDP und LDPD 1956 (vgl. Liberale Stichtage 20.07.2011 und 04.10.2011) auf Geheiß der FDP-Führung stark eingeschränkt und Wolfgang Schollwer wechselte in die FDP-Pressestelle. Hier entfaltete er, der sich allmählich vom überzeugten „Antikommunisten“ zum Befürworter der friedlichen Koexistenz wandelte, seine eigentliche politische Bedeutsamkeit. Sie verdichtete sich besonders in zwei zunächst internen Strategiepapieren, die zum Leidwesen des FDP-Vorsitzenden Erich Mende (vgl. Liberaler Stichtag 28.01.2010) 1962 und 1967 an die Öffentlichkeit gelangten.
Damit und mit einer Vielzahl von Vorträgen, die Schollwer unter Schützenhilfe des FDP-Bundesgeschäftsführers Hans Friderichs (vgl. Liberaler Stichtag 16.10.2011) halten konnte, bereitete er in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre den außenpolitischen Wandel in der FDP-Programmatik vor, der zu einem wichtigen Baustein für die 1969 gebildete SPD-FDP-Koalition wurde.
Wolfgang Schollwer, der intern daran großen Anteil hatte, agierte auch danach weiterhin eher im Hintergrund, zumal 1969 der Sprung in den Bundestag scheiterte. Stattdessen wechselte er 1970 in den Planungsstab des Auswärtigen Amtes, dem er bis zum altersbedingten Ausscheiden 1987 angehörte. Während seiner Tätigkeit für die LDPD und dann die FDP führte er eine Art Tagebuch, das heute als wichtige Quelle für die Geschichte des deutschen Liberalismus nach 1945 gilt.
Rezension der Schollwer-Biografie "Gesamtdeutschland ist uns Verpflichtung"
Auf der Flucht (SPIEGEL v. 13.03.1967)
Brief der LDPD zum Fall Schollwer
Gratulationsschreiben Wolfgang Mischnicks zu Schollwers 70. Geburtstag
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